Vom Mokka als Thronraum, gemeinsam malenden Ultras und einem Stein in der Aare
Ein Abend am Thunersee führt Thees Uhlmann mehr als 1500 Kilometer quer durch Deutschland und zurück: Am 4. September spielt der Musiker, Autor und Labelgründer sein einziges Schweizer Konzert des Jahres. Im Gespräch erzählt er, weshalb ihn das Berner Oberland seit Jahren nicht mehr loslässt. Von Lenard Baum
Zehn Minuten, zwanzig Minuten, dreissig Minuten – dann meldet sich Thees Uhlmann per SMS. Der Musiker, Labelmitgründer und Buchautor steckt mitten in der Tourvorbereitung und entschuldigt sich für die Verspätung. Wenig später, der Nescafé noch dampfend, ist der Norddeutsche innert kürzester Zeit mitten im Palaver.
Anlass des Gesprächs ist ein besonderer Abend: Am Freitag, 4. September, spielt Uhlmann mit Band in der Schadaugärtnerei – seine einzige Schweizer Show des Jahres, präsentiert vom Mokka anlässlich seines 40-jährigen Jubiläums. Grund genug, mit ihm nicht nur über das Konzert zu reden, sondern über alles, was ihn seit Jahren ins Berner Oberland zieht.
Thees Uhlmann (Mitte) mit Band. *Foto von Andreas Hornoff
BM: Moin Thees, Greenfield, Gurten, Cholererock und immer wieder Mokka: Was zieht dich seit Jahren immer wieder ins Berner Oberland und besonders nach Thun?
THEES UHLMANN: Was mich nach Thun zieht, ist ganz einfach. Man kommt hin und findet es hübsch. Dann ist da natürlich die Faszination für den deutschen Kulturraum. Ich kann mir ein Brötchen bestellen, aber die Leute wissen sofort, dass ich nicht von dort komme. Das ist die Freude, im Ausland zu spielen, das finde ich immer ganz toll. Und dann ist da der Fluss. Für eure Leserinnen und Leser kann ich sagen, wir sind eine der wenigen Rock’n’Roll-Bands der Welt, die nach ihrem letzten Konzert zu ihrem Bus zurückgeschwommen sind. Wenn man in solchen Punkten besser ist als Guns N‘ Roses, dann ist das schon eine ganze Menge wert.
BM: Das Mokka, das sein 40-jähriges Bestehen feiert, bezeichnet eure Verbindung als «Match made in Rock’n’Roll Heaven». Was ist das für ein Ort für dich?
THEES UHLMANN: Sie haben uns eingeladen, als noch nicht viele Leute zu unseren Konzerten kamen. Sie haben einfach gesagt, ihr kommt jetzt erstmal vorbei, auch wenn nicht so viele kommen, das ist nicht schlimm. Wir mögen diese kleine Kultur und die Idee dahinter, dass jemand sagt: «Ich habe total Lust, das zu machen.» Ohne dass in erster Linie ein kapitalistischer Sinn dahintersteckt. Das macht mich stolz, weil das nicht der Plan einer Firma war, sondern weil so ein Trottel aus Cuxhaven damit Geld verdient. Ich habe mich durchgebissen und die Leute davon überzeugt, dass das, was ich mache, eine grosse Nummer ist. Das Mokka sieht innen so aus, wie es eben aussieht, und das Haus lebt mit den Leuten, die dort Kultur machen.
Ich bewahre privat auch alles auf, was mich an etwas erinnert. Wenn ich mich in meiner Wohnung umsehe, könnte ich ein tausendseitiges Buch schreiben, nur anhand der Sachen, die mich umgeben. Das klingt jetzt, als würde ich in einer abgefuckten Junkie-Wohnung wohnen. Aber das ist gar nicht so: Die Sachen sind sehr gut organisiert. Manche Leute zeigen ihre Liebe eben dadurch, dass sie Dinge aufheben und hinstellen. So ist das Mokka auch. Rock’n’Roll ist nämlich nicht praktisch, er lechzt nach Fehlern, nach Dingen, die nicht optimiert sind. Für uns ist das Mokka ein Thronraum des Ganzen, so wie wir es lieben.
BM: Du hast in einem Interview mal gesagt, Thun sei der Ort, an dem Rock’n’Roll am schönsten war. Da muss ich nachbohren: Was heisst «am schönsten»?
THEES UHLMANN: Ich mag Kleinstädte einfach total gern. Ich glaube an das Konzept der Kleinstadt, und Thun ist so eine. Es gibt auch legendäre Kleinstädte, Enger in Nordrhein-Westfalen zum Beispiel, das kennt in der Schweiz niemand, das liegt wirklich im absoluten Niemandsland. Die Leute wissen ja nicht mal, wo Bielefeld ist. Und trotzdem gab es da mal einen Rock’n’Roll-Laden, in dem sogar Nirvana gespielt haben. Diesen Zufall im menschlichen Miteinander finde ich einfach toll. So ist das eben.
Ich würde überhaupt gern Stadtschreiber in Bern oder Thun werden und nur positiv schreiben. Dann können die Schweizer endlich angstbefreit fragen: «Was machen wir am Wochenende?» Und ich so: «Hast du es nicht gehört? Die Deutschen kommen.»
BM: Im Mai 2025 standest du mit «Sincerely, Thees Uhlmann – Das Beste von Tomte bis heute» und deiner Akustikgitarre im Stadttheater Bern. Wie hast du diesen Abend erlebt?
THEES UHLMANN: Das Stadttheater Bern ist einer der schönsten Räume, in denen ich je gespielt habe, ein absolutes Highlight. Mit einer Band kommt man da gar nicht rein. Eine Band ist viel zu laut, das geht technisch nicht. Mit der Akustikgitarre geht das. Und dann stellt man sich vor, dass dort normalerweise die besten Tenöre und Sopranistinnen des Landes stehen, und dann ich mit meiner Holzgitarre. Das war total super.
Ich wurde auch einmal eingeladen, weil das Café Mokka 2023 einen Kulturpreis bekommen hat, und durfte dann die Laudatio halten. Dabei habe ich gelernt, was ein Apéro ist. Ich habe gefragt, was ist denn das, und es war ein Buffet, so etwas hatte ich in Deutschland noch nicht gesehen, das war Schweiz pur. Da wurde der Schinken von Samurai-Meistern mit edlen Messern vom Knochen geschnitten. Ich habe da auch einen Schweizer Politiker kennengelernt, der mich fragte, wie man auf die Idee kommt, Rock’n’Roll zu machen und dafür in die Schweiz zu fahren. Ich habe zurückgefragt, wie man auf die Idee kommt, in der Schweiz Politiker zu werden. Das sorgt vielleicht nicht für Weltfrieden, aber man geht sich danach nicht mehr an die Gurgel.
BM: Wenn du von der Schweiz erzählst, geht es auffällig oft um Menschen. Ist deine Beziehung stärker durch Orte oder durch Menschen entstanden?
THEES UHLMANN: Das sind schon die Menschen, weil Orte relativ selten etwas erzählen, wenn man kein Historiker ist. Wir werden wieder in Thun durch die Gegend gehen, und man sieht uns an, dass wir aus Norddeutschland kommen, weil wir alle immer ein bisschen nach vorne gebeugt sind. Und einer wird sagen: «Das sieht hier aus wie bei Märklin H0.» Dieser Satz muss einfach fallen – diese Eisenbahnlandschaft. So sieht das für unsere nordwestdeutschen Augen eben aus. Der Unterschied zwischen Bremen und Hannover ist ja auch immens, alle sprechen die gleiche Sprache und sind trotzdem super unterschiedlich. Das finde ich wahnsinnig witzig.
Würdigung von Künstler zu Künstler: Thees Uhlmann gedachte dem verstorbenen Electronic-Artist Avicii.
BM: In Bern hast du über die Jahre auch Freundschaften geschlossen, etwa zu deinem Instrumentenhändler.
THEES UHLMANN: Wir kaufen unsere Instrumente alle bei meinem Freund in Bern, die Gitarren und Bässe. Der hat mir mal ein ganzes Zimmer voller SG-Gitarren gezeigt, und ich habe gefragt: «Wie ist das hier eigentlich diebstahltechnisch abgesichert?» Er hat mich angeguckt, als wäre ich verrückt. Berlin ist so ein Shithole, da würde die Polizei bei geklauten Gitarren nur vorbeikommen und sagen, selbst schuld, und wieder abhauen. Ich schaue jeden Tag auf eine Gitarre aus meinem Geburtsjahr, die er mir organisiert hat. Ich hatte gesagt, ich hätte gern eine von 1974, er meinte, das wird ein bisschen schwieriger, und drei Monate später ruft er an und sagt, ich hab sie. Das ist auch so eine tolle Schweizer Geschichte.
BM: Kommen wir zu einem weiteren Herzensthema von dir: dem Fussball. Hast du das Thuner Meistermärchen mitbekommen?
THEES UHLMANN: Ich weiss nur, dass Thun Schweizer Meister geworden ist. Da haben sich alle die Augen gerieben. Dass Thun als Zweitliga-Aufsteiger obendrauf noch Meister geworden ist, ist wirklich bemerkenswert. Jetzt können Väter zu ihren Söhnen sagen, damals ist Thun aufgestiegen, und dann sind wir Meister geworden. Das werden die beiden nie wieder vergessen. So ist das. Da kommt kein Computer hinterher.
Eng befreundet: Thees Uhlmann und die Toten Hosen, Deutschlands Punkrock-Ikonen, präsentieren eine Neuinterpretation von Uhlmanns «Junkies und Scientologen».
BM: St. Pauli hat gerade seinen langjährigen Captain Jackson Irvine verloren, Thun nach dem Titel Trainer Lustrinelli und mehrere Leistungsträger. Du kennst dieses zwiespältige Glück des kleinen Klubs. Was verliert man in solchen Momenten, und was bleibt?
THEES UHLMANN: Bei solchen Wechseln darf man nicht böse sein. Eine Gruppe aus 18 Männern ist episch zusammen drauf und dann geht einmal diese Tür auf. So ein Vertrag in der ersten Liga, auch bei Union Berlin, ist der Schlüssel: Die Tür geht einmal auf, und du musst durch. Ich finde es nur immer schön, wenn man auch zurückkommt.
Ich möchte mich nicht klischeehaft anhören, aber ich habe noch nie jemanden vergessen, mit dem ich zusammengearbeitet habe. Wir versuchen, möglichst lange mit denselben Leuten zu arbeiten, und wir wissen immer, wo wir herkommen. Zu jemandem sagen zu können, du hast schon fünfmal umsonst für mich gearbeitet, endlich kann ich was zurückgeben, das ist für mich eine der schönsten Sachen. Ich bin fast calvinistisch erzogen worden, mir ist wichtig, bei niemandem in der Kreide zu stehen. Und es ist toll, Leuten beim Leben zuzuschauen, die mit Punk-Konzerten angefangen haben und heute riesige Hallenkonzerte organisieren.
BM: Was kann Fussball über Zugehörigkeit erzählen, dass ein Song nicht erzählen kann?
THEES UHLMANN: Beim Fussball ist das noch mal besonders, gerade wenn man sich die Jugend anguckt. Einem anderen Verein Tod und Hass zu schwören, ist eine relativ leichte kulturelle Aufgabe, das ist Tribalismus, den gab es schon vor Jahrhunderten. Aber in dieser ganzen Ultrakultur steckt etwas anderes. Das sind junge Männer, die zusammen malen. Mein Vater ist Lehrer und hat gesagt, Dienstag und Mittwoch könnt ihr in die Turnhalle, aber kleckert nicht mit der Farbe. Da setzen sich vermeintliche 95-Prozent-keine-Ahnung-Experten zusammen und denken sich etwas aus, und dann fällt auch mal der Satz: «Hat mal jemand Blau?» Einer sagt: «Ich hab eine tolle Idee, wie der Thuner Löwe mit einem Beil einen Grasshopper erschlägt.» «Oh super, das malen wir!» So martialisch das rüberkommt, da ist etwas Schönes versteckt, fernab von Tod und Hass.
BM: Am 3. September spielst du in Braunschweig, am 4. in Thun, am 5. in Minden. Was muss dir ein Ort bedeuten, damit du für einen Abend diese Route auf dich nimmst?
THEES UHLMANN: Ich würde jetzt natürlich gern eine richtig romantische Geschichte erzählen. Wir fahren in einem Bus, in dem wir nachts auch schlafen, und darin schlafe ich immer noch besser als zu Hause. Nach einem Konzert, das gut gelaufen ist, mit dem Bus in die Nacht raus aus der Stadt zu fahren, ist für mich ein epochales Gefühl. Wir haben einen ganz tollen Busfahrer, der uns von Braunschweig nach Thun und in der Nacht weiter nach Minden fährt. Es ist einfach schön, so ein paar Kilometer zu fahren, auch wenn es nur drei Auftritte hintereinander sind.
BM: Stimmt es eigentlich, dass ihr den deutsch-schweizerischen Erfolgsautor Benedict Wells einmal für ein gemeinsames Projekt im Nightliner mitgenommen habt?
THEES UHLMANN: Bei Benedict Wells hat man gedacht, mit dem Rock’n’Roll kommt der nicht so richtig zurecht, abends noch ein Bierchen und dann im Bus durch die Gegend. Von wegen. Er ist von 0 auf 100 die absolute Rock’n’Roll-Maus, und er hat am längsten geschlafen. Wir waren alle schon am Kabelputzen und Saitenbespannen, da standen Benedikts Schuhe noch ordentlich nebeneinander an der Koje. Er hat den Schlaf seines Lebens gehabt, im Nightliner. Ganz niedlich. Den kann man sofort mit auf Tour nehmen. Und er ist genauso schlau und bezaubernd, wie er aussieht.
BM: Zum Abschluss noch eine letzte Frage aus vergangenen Tagen: Du hast in einem Fragenformat einmal gesagt, du möchtest als Stein in der Aare wiedergeboren werden. Gilt das noch?
THEES UHLMANN: Ich habe neulich zu einer Freundin gesagt, ich bin inzwischen so alt und emotional angeschlagen, dass ich es nicht mal mehr aushalte, am Strand zu stehen und Steine ins Meer zu werfen. Vielleicht liegt der Stein dann in 10’000 Jahren am Strand, und es ist endlich mal warm und trocken. Aber als Stein in der Aare könnte ich mir das immer noch vorstellen.