Zurück

Eine ziemlich spannende Kolumne #2: Dialog in einem Raum aus Holz

oder: Glückliche Wollschweine

Reaktion eines Menschen, der in eine Gaststube eintritt, in der man sitzt und schreibt. Vor dem Fenster liegt das Tal, es schneit und die Wollschweine des Hofes geben biologisches Fleisch. Von Seelenreiter // Julia Weber

1. (Mann mit Frau betritt Raum aus Holz)
«Guten Tag Fräulein, stören wir Sie bei den Hausaufgaben?»

2. (Später, nachdem man gelächelt, sich aber eigentlich geärgert hat)
«Immer noch an den Hausaufgaben, Fräulein?»

3. (Nachdem man sagte, dass man an einem Buch schreibe)
«Aha, um was geht es denn?»

4. (Nachdem man gesagt hat, um was es geht)
«Spannend.»

5. (Nachdem man danke gesagt hat)
«Kann man davon denn leben?»

6. (Nachdem man gesagt hat, man könne das im Moment dank einem Stipendium)
«Und was ist Ihr Beruf?»

7. (Nachdem man darauf nicht reagiert hat)
«Ich lese manchmal auch ein Buch.»

8. (Oder)
«Ich kenne einen, der kennt Peter Bichsel.»

9. (Oder)
«Früher hat man auf der Schreibmaschine geschrieben, das war noch richtig anstrengend. Ich habe auch noch gelernt auf der Schreibmaschine zu schreiben. Da mussten wir in der Schule noch lernen auf der Schreibmaschine zu schreiben. Da gab es keine Computer, früher, da haben alle auf den Schreibmaschinen geschrieben und wenn man einen Fehler gemacht hat, dann musste man es nochmals von neuem schreiben, auf der Schreibmaschine.»

10. (Ich höre die Wollschweine; sie schmatzen und sind im Schnee. Ich höre die Wirtin in der Küche die Tagesschau schauen, während sie das Hackfleisch hackt.)
«Schön ruhig hier zum Schreiben.»

11. (Nachdem ich das bestätigt habe, indem ich aus dem Fenster zeigte und die Stille meinte, die entsteht, wenn auf den Dingen Schnee liegt, nachdem der Wirt zugehört hatte und sagte, dass das auch ein Problem der Klimaerwärmung sei, dass es keinen Schnee und mit dem fehlenden Schnee auch keine Ruhe mehr gebe, auch keine Innere, weder Mensch noch Tier würden Ruhe finden, und dass die Welt darum irgendwann auch am Fehlen dieser vom Schnee gegeben Ruhe untergehen würde, also wir und vor allem auch das Tier, das nichts dafür kann)
«Schreiben Sie über den» er zeigt auf den Wirt «der hat viel zu erzählen, Kunst ist ja traurig und er hat traurige Geschichten. Tiefgründige.»

12. (Nachdem ich sagte: Was ich will, ist sehen können, was ich will, ist wach sein. Ich schreibe auch, wenn ich die Welt betrachte. Ich kann die Welt so mögen und bewundern. Auch die Figuren, die ich erschaffe liebe ich, ich liebe sie, wenn sie schrecklich sind, weil sie menschlich sind. Weil ich sie verstehe. Weil sie lebendig werden, auch die Welt wird lebendig durch meinen Blick. Ein Berg zum Beispiel bleibt dann nicht länger nur ein Berg, ein Steingebilde. Er ist ein grosser Stein mit Geräuschen, die in seiner Form sichtbar und hörbar sind. Er hat feine Zeichnungen auf sich, von Schnee, Wind und Gewächs gemacht. Ich liebe den Berg für das, was er auch noch sein kann, ausser dem Wort Berg. Zum Beispiel wachsen bei ihm unten die Bäume und oben wächst nichts, beim Menschen wächst viel oben und unten fast nichts. Ich tue das für mich, um gerne zu leben, um nicht einzuschlafen. Ich versuche es wie das Kind, das gar nicht anders kann, weil es die Dinge nicht kennt. Für das Kind ist der Berg niemals nur das Wort Berg. Genau wie das Kind möchte ich nicht alles verstehen, ich möchte es erfahren. Ich möchte wissen, was sein kann. Und mit dem schreiben festigt man diesen Blick und kann ihn weitergeben. Kann zeigen, was noch möglich ist, kann wachhalten. Die Welt lebendig halten)
«Also ich finde, Bücher müssen vor allem spannend geschrieben sein. Sie müssen einen fesseln, vom ersten Moment an muss man voll drin sein. Wenn ich es nicht verstehe, was der da meint, dann weg damit.»

13. (Nachdem der Wirt hinaus gegangen ist, um dem Schnee zu danken, um die Schweine zu füttern, seine Frau in der Küche beim Hacken vom Hackfleisch geküsst hat)
«Die Geschichte muss einen so richtig fesseln, so dass man das Buch nicht mehr weglegen kann, das ist grosse Kunst.»

14. (Nachdem ich auch hinaus gegangen bin und den Schnee geküsst habe und die Wollschweine, auch den Baum, den Wirt, die Katzen, den Boden, die Heugabel, kommt der Mann aus dem Haus, um, wie er sagt, sich auf den Weg ins Tal zu machen, wo seine Frau ihm dann ihre Kochkünste vorführen würde)
«Adieu Fräulein, viel Glück!»

15. In der Gaststube lese ich das Vorwort zu Susan Sontags Aufsätze und Reden «Zur gleichen Zeit», das ihr Sohn geschrieben hat. Er zitiert darin seine Mutter: «Wir wissen mehr, als wir brauchen können. Sieh mal das ganze Zeug, das ich im Kopf habe: Raketen und venezianische Kirchen, David Bowie und Diderot, nuoc mam und Bigmacs, Sonnenbrillen und Orgasmen. Und wir wissen längst nicht genug.»
Und er schreibt darin, dass er glaube, für seine Mutter seien Lebenslust und Erkenntnislust tatsächlich das Gleiche gewesen.

16. (Nachdem der Wirt wieder in die Gaststube gekommen ist, in der Ecke sitzt und draussen der Schnee schwächer fällt, sagt er, dieser Mann habe irgendetwas nicht verstanden, aber viele würden etwas nicht verstehen und die Welt, die würde schon bald nicht mehr als das existieren, als was wir sie kennen. Er liebe seine Wollschweine, sagt er, auch wenn er sie bald essen würde, das mache der Liebe nichts, er liebe seine Wollschweine sehr)
Ich höre die Wollschweine; sie schmatzen und sind im Schnee. Ich höre die Wirtin in der Küche die Tagesschau schauen, während sie das Hackfleisch hackt.

17. Glückliche Wollschweine.

abc
Infos

Die Beiträge der "ziemlich spannenden Kolumne" stammen vom Kultur-Blog Seelenreiter.
Julia Weber ist Schriftstellerin und Betreiberin des Literaturdienst.ch.

Di 16.02. 2016