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Im Gespräch mit Eskimo

Von Töfflis, dem Hans und der Leistungsgeselschaft

Erstes Album draussen und preisverdächtige Musikvideos: Wir haben die Berner Manuel Kollbrunner und Simon Vogt von Eskimo auf ein schnelles Interview getroffen. Zusammen sprachen wir über ihre Einflüsse des Dorflebens in ihrer Musik, ihr letztjähriges Album «Hans» und das schicke Video zu «Töffli». Von Lenard Baum

Schön sonnig war es, damals, vor COVID-19, als man sich vor der turnhalle traf: die beiden Jungs von Eskimo, Takeshi Röthlisberger aka Manuel Kollbrunner und Ricky Casablanca aka Simon Vogt, grad zwischen Büroschluss und auf den Sprung zur Bandprobe. Gereicht hat es trotzdem noch für ein schnelles Interview mit dem Bewegungsmelder und ein kühles Bierchen. Trotz eines warmen Frühlingstages war der PROGR sehr leer. Nach einem kleinen Pläuschchen übers Wetter, Austausch über den Bewegungsmelder Digital und einer schnellen Getränkerunde kam das Gespräch in Fahrt.

Manuel Kollbrunner und Simon Vogt von Eskimo

BM: Hallo zusammen. Schön, dass es geklappt hat. Kommen wir doch gleich zum Wesentlichen: Synth, Space, 80er-Jahre. Töfflis, welche über die Autobahn rasen und eine magische Gitarre? Viel los im Musikvideo zu «Töffli». Wie kommt man auf so eine schrille Idee?

Manuel: Es ist so eine Befruchtung von verschiedenen Elementen, welche mega gut zusammen gepasst haben. Wir hatten erst den Töffli-Song, in diesem geht es ja eher um das Lokale, Land und das Töffli als Statussymbol. Da fanden wir, machen war doch ein Cruising-Video, einfach auf ländlich, in V-Formation durch Dörfer fahren. Wir kennen die Jungs, welche uns geholfen haben schon von früher. Die sind dann voll so aufm TRON- und 80s-Stil-Trip gewesen. (Anm. d. Red. Die beiden holten ihre ehemaligen Kollegen von Pablopolar mit ins Boot). Das hat dann ganz gut gefruchtet. Der Song selbst ist ja schon recht 80s mit dem Synth. Das hats zusätzlich getriggert und schlussendlich sind wir glücklich mit dem Resultat. Ironisch, aber trotzdem abgespaced.

BM: Recht cool, so viel Eindrücke und Ideen. Eben, fliegende Töfflis, viel Synth und natürlich Töffli fahren, wie war der Dreh so für euch?

Simon: Recht geil! Mit einer Eagle Flying am Start. Aber es hat leider viel Green Screen im Raum gehabt.

Manuel: Konnten leider nicht richtig fahren! (Gelächter) Man hat beim Dreh leider auch nichts gehört. Wenn man sich aber nachher das Video ansieht, denkt man: Woow, geil! Während des Drehs war’s aber ebenso witzig. Sechs Leute waren immer dabei, einer extra für den Laubblässer, welchen ich ins Gesicht bekommen hab‘. Drei weitere, welche mit Velolichtern und anderen Lichtern es so aussehen liessen, als würden Strassenlichter an uns vorbei ziehen. Einer filmte dabei und ein anderer spielte mit. Das war für uns schon eine heftige Produktion.

Wirklich sehenswert, künstlerisch wie humoristisch: Das Eskimo-Video zu „Töffli“ von Efentwell.

BM: Stell ich mir wild vor. Recht habt ihr aber, dass Töffli kann man getrost als Symbol der Dorfjugend bezeichnen. Steckt selber in euch noch so ein wilder Luesbueb vom Lande?

Manuel: Ja, eben, es ist fast wie im Ghetto; «Du kannst den Bueb aus dem Dorf nehmen, das Dorf aber nicht aus ihm.» Aber ja ich bin ein Landbueb geblieben, obwohl ich schon ewig in der Stadt leb‘. Ich finde, es in der Schweiz dazu eh recht lustig, es kommt eh kaum einer aus der Stadt. Irgendwie steckt in jedem von uns ein Landbueb. Es gibt schon die richtigen Grossstadtkinder, welche so im Kreis 4 aufgewachsen sind. Die meisten sind aber eher recht Agglo. Für Agglo und Dorf stellt die Stadt natürlich dann so ein Sehnsuchtsort dar, das ist so typisch für die Schweiz. Alles ist etwas träumerisch und alle hoffen irgendwie aufs Grosse, vielleicht noch grösser als Grossstadt Bern, so Hollywood oder später geh‘ ich mal noch nach New York. Du bist aber eigentlich aufm Land am Kiffen, Töffli schrauben oder frisieren. Glaub‘, da können sich sehr viele mit identifizieren, weil es halt vielen so geht oder erging.

BM: Man merkt, da steckt schon mehr dahinter. Was steckt noch hinter diesem Töffli als Symbol des Dorflebens?

Manuel: Das Töffli steht ja auch fürs erste Mal, als man eine gewisse Freiheit oder Unabhängigkeit bekam. Wenn du auf dem Land wohnst, bist du schon sehr aufs Postauto angewiesen und kannst froh sein, wenn noch bis «spät» um 17 Uhr ein Bus fährt. Das ist es schon schöner mit dem Töffli zu fahren, als nach Hause zu laufen.

BM: Macht ihr selbst noch Strassen unsicher damit?

Simon: Ah, nein.

Manuel: Nein, das Land ist natürlich noch unser Lifestyle, bilden wir aber nicht mehr so ab.

Simon Vogt und Manuel Kollbrunner von Eskimo

BM: Kommen wir mal zu eurem letztjährigen, vielseitigen Album «Hans». Kann man sagen, das ihr mit «Hans» sämtliche Probleme der Leistungsgesellschaft anspricht?

Manuel: Es ist sicher der Dunstkreis, in welchem wir uns thematisch drin bewegen. Wir leben in einem «Erste Welt»-Land, haben fast nur Luxus-Probleme, keine existenziellen, trotzdem hat man das Gefühl, es ist ziemlich schwierig, ein unbeschwertes Leben zu führen. Halt die Welt, in der wir uns bewegen. Das war schon im Vordergrund geplant, diese Probleme und den Leistungsdruck anzusprechen. Dann erschaffst du dir so Sprachbilder wie der Hamster, der mehrmals vorkommt. Nimm das Bild des Hamsterrades in unserer Leistungsgesellschaft. Das ist einfach, und das eine führte zum anderen. Wir haben beide so Bürojobs, wo du wirklich richtig stupide Arbeiten vollziehst. Das ist halt einfach ein Stück weit unsere Lebensrealität.

BM: Namensgebend für das Album ist das gleichnamige Lied «Hans», ein Lied, welches Hans durch seinen Tag in Bern begleitet. Ist dieser Hans quasi der Protagonist des ganzen Albums?
Manuel: Ein roter Faden, wenn man so will, ja. Hans verkörpert, bietet alles. Er ist aber eigentlich eher spät dazu gekommen. Den Song gab es schon sehr früh, aber das er eine so wichtige Rolle fürs Album einnimmt, ergab am Ende doch Sinn. Es gibt bekanntlich so viele Metaphern von Hans; «Hans im Glück» von den Grimm-Märchen oder dann auch den «Hans im Schneckenloch».

Erklärung ebenso an den Reporter;

Schweizer Kinderlied; Hans im Schneckenloch hat eigentlich alles. Aber alles was er hat, will er nicht und alles was er will, hat er nicht. Hans hat hier seinen Ursprung, er hat sich Eskimo ziemlich aufgedrängt.

BM: Hans, der «geheime» Protagonist, war also gar nicht geplant?

Manuel: Der «Hans»-Song war einer der ersten, das Album selbst hiess in der Produktion noch anders und der Hans kam relativ spät dazu. Mit dem Simons Artwork ist das noch schön zusammen gekommen, der Hirsch mit den Abzeichen: «Hey, Mann!» Halt wie ein kleiner Proll, gleichzeitig ist es voll übertrieben lachhaft.

BM: Ihr habt schon einen ganz eigenen Stand, find‘ ich persönlich, im Schweizer Pop. Mit «Hans» lassen sich kaum ein anderes Album wirklich vergleichen. Diese Mischung aus Gesellschaftskritik gepaart mit Mundart-Pop. Nehmt ihr als Band einen ganz eigenen Platz ein?

Manuel: Also in der Mundartmusik kenne ich jetzt wenige, welche auf der gleichen Ebene funktionieren. Entweder ist es allgemeine Bespassung, bei dem Entertainment im Vordergrund steht. Subversive Sachen gibt es in die Richtung relativ wenig oder ich kenne da wenig. Aber nur weil da angeblich eine Lücke ist eine gewisse Musik zu machen, so ist es nicht. Es kommt alles eher aus der Erkenntnis von «Hey, da ist das Medium Text, das Medium Geschichten, ich mache sehr gerne Mundart-Texte, verlier mich in Gedankengängen, welche ich verknüpfe. Das gibt dann eine Geschichte.» Das ist also alles mehr aus einem Spieltrieb heraus entstanden.

Simon: Musik machst du aber auch noch gerne (Gelächter).

Manuel: Also bei denen auch grad wieder was raus gekommen ist: Jeans for Jesus, das ist eine, wenn schon fragst, Band, die im gewissen Sinne was Vergleichbares machen. Das ist bei ihnen natürlich Programm, verfolge ich auch sehr stark, interessiert mich und ich finde es enorm tiefsinnig und vielschichtige Musik. Ganz anders, aber auch auf eine gewisse Weise wie wir.

BM: Ein Ort, an dem Musik der anderen Art kennenlernt, wäre das m4music Festival, an dem man euch vielleicht ebenso antrifft. Nominiert wart ihr ebenso für das eben spacige Video zu «Töffli». Wen darf man dieses Jahr nicht verpassen?

Manuel: Sam Fender, geh ich selbst noch vorher gucken. Ansonsten habe ich, ehrlich gesagt, das Lineup noch nicht so durchgeschaut. (Schaut schnell am Handy nach, wer alles kommt) Da, Sirens of Lesbos! Die würde ich sehr gerne live hören.

Viel steckt hinter dem Album der beiden, ebenso verbrachten sie mehrere Nächte in einem Iglu zusammen.

BM: Ich bin schon sehr gespannt aufs Festival (Anm. der Redaktion. Wurde leider abgesagt). Ein paar Worte zur Videoclip-Nomination von «Töffli». Nehmen Preise für euch eine wichtige Rolle in eurem Musikerdasein ein?

Simon: Ich weiss gar nicht mehr, wo ich die alle hinstellen soll (schmunzelnd).

Manuel: Es ist cool, wenn man so ein Preis gewinnt oder nominiert ist. Dass man sagen kann, «Ey, nicht nur uns gefällt’s», dass Leute unsere Musik ebenso abfeiern. Ich habe speziell zum Videoclip eine sehr schwierige Beziehung. Musik ist für mich gar nicht visuell, jeder hat sein eigenes Bild im Kopf. Im Videoclip hat es letztlich eine Geschichte, die nicht so richtig in meine visuelle Welt passt. Bei «Töffli» war es zum Glück überhaupt nicht so, das Video hat den Song gut ergänzt und es freut uns extrem, dass andere das auch so sehen. Ebenso freuen wir uns über die öffentliche Aufmerksamkeit mit verschiedenen Bands, welche sich präsentieren können. Das ist ja schon wichtig für uns im Moment.

BM: Kommen wir zu einer eher schwierigen Frage. Ihr beide habt mit Pablopolar schon beides durchgemacht, was gefällt euch mehr: Güsche oder Dachstock?

Manuel: Wenn du im Dachstock spielst und die Leute kommen, sind sie wirklich für dich da. Das ist ein Konzert, Konzert. Gurten ist das Stadtfest von Bern und logisch, Gurten ist extrem cool zum Spielen, aber es ist eine andere ganz andere Konzert-Kategorie. Schwierige Frage. Sagen wir es so: Lieber ein ausverkauftes Konzert, als ein nicht ausverkauftes.

BM-Redakteur Lenard Baum mit den beiden Herren von Eskimo

BM: Nehmen wir doch an als Antwort. Ihr beide seit ebenso sehr sportlich unterwegs und spielt gerne gegeneinander. Hätte da ein kleines Quickfire für euch. Ready? Wer spielt besser Pingpong?

Manuel: Ganz klar ich! YES, nun wurde es mal aufgenommen. Simon hat es gerade zugegeben! Ja, ich bin besser in Pingpong.

Simon: Frag doch mal nach anderen Sportarten…

BM: Äh, okay, wer von euch spielt besser Badminton?

Manuel: Ganz klar ich…

BM: Sicher?

Manuel: Nein, Badminton ist kein richtiger Sport. Keine Chance dabei.

(Ricky Casablanca aka Simon nickt anerkennend)

BM: Bowling?

Manuel: Einer schlechter als der andere.

Eigentlich sollte hier ein Werbetext stehen fürs m4music-Festival. Doch der Anlass wurde bekanntlich abgesagt. Zumindest gab es einen Online Panel zum Thema «Auswirkungen auf die Schweizer Musikszene» natürlich im Kontext der aktuellen Situation. Mehr Infos dazu hier.

Infos

Mittlerweile wurde bekanntgegeben, dass Eskimo dieses Jahr am Gurtenfestival 2020. Möge dieses stattfinden und den zwei ein ausverkauftes Konzert bescheren. Und dem guten Hans, auch wenn er es nicht möchte.

Mo 23.03. 2020